Polen (2011)

Solidarność – Auftakt der Revolutionen

Die freiheitlichen Bestrebungen des polnischen Volkes am Ende der deutschen Besatzung 1945 wurden gewaltsam von sowjetischen Truppen unterdrückt. Ein Jahrzehnt später regte sich erneut Protest gegen das kommunistische Regime. Posener Arbeiter machten auf die schlechten Arbeitsbedingungen in ihrem Werk durch Streiks aufmerksam. Diese Streiks wuchsen zu Demonstrationen mit 100000 Teilnehmern an und entwickelten sich zum sogenannten Posener Aufstand, der jedoch in einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit der polnischen Armee endete und blutig niedergeschlagen wurde. 1968 lehnten sich vor allem Studenten gegen das System auf, im Dezember 1970 streikten und demonstrierten Arbeiter in den Küstenstädten. Die wirtschaftliche Lage Polens und die Lebensbedingungen der Bevölkerung sowie drohende Preiserhöhungen waren hierfür der Auslöser. Begonnen hatte der Protest in der Stadt Danzig. Zehn Jahre später, im August 1980, organisierten die Danziger Werftarbeiter erneut Proteste, aus denen die freie Gewerkschaftsbewegung Solidarność hervorging. Seit dem 1. Juli 1980 kam es in Polen als Reaktion auf die Ankündigung von Preiserhöhungen an vielen Orten zu kleineren Streiks. Den Höhepunkt dieser Welle bildete der Ausruf des Streiks auf der Danziger Lenin-Werft am 14. August. Viele andere Betriebe schlossen sich dem „überbetrieblichen Streikkomitee“ der Werft an. In der Folge entstand ein 21 Punkte umfassender Forderungskatalog an die Regierung. Darin wurden unter anderem die Anerkennung freier Gewerkschaften, das Streikrecht, Meinungs- und Glaubensfreiheit sowie soziale Verbesserungen gefordert. Unterstützung erhielten die Streikenden aus den Reihen der Intellektuellen und von der katholischen Kirche. Der massive Protest zwang die Regierung zur Anerkennung der Solidarność. Es begannen Monate einer ungeahnten Freiheit unter dem Vorsitz des Gewerkschaftsführers Lech Wałęsa. Die Mitgliederzahl der Solidarność stieg binnen kürzester Zeit auf rund zehn Millionen Mitglieder.

„Die polnischen Genossen haben die Situation noch nicht begriffen, dass es sich um eine Konterrevolution handelt“, so schätzte in der DDR die SED die Lage ein, und bevor der „Bazillus“ überspringen konnte, wurden am 30. Oktober 1980 die Grenzen zu Polen geschlossen. Die Staatssicherheit verfolgte jede Regung von Sympathie für die Entwicklung im Nachbarland. Es kam zu einer gefährlichen Allianz zwischen Macht und Ressentiments: Die SED nutzte alte Stereotype in der Bevölkerung gegenüber Polen und kolportierte überkommene Vorurteile.

Am 13. Dezember 1981 verhängte General Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht über Polen. Tausende Menschen wurden verhaftet. Die Militärjunta unterband jeglichen Widerstand. Die Solidarność agierte von da an im Untergrund, bis sich im Frühjahr und Sommer des Jahres 1988 wieder eine neue massive Streikbewegung formierte, die erste nach Verhängung des Kriegsrechts. Der Freiheitsgedanke bildete die treibende Kraft. Die polnische Regierung musste schließlich einlenken und ging auf den politischen Dialog ein. Im Februar 1989 begannen die ersten Gespräche am „Runden Tisch“. In der Konsequenz dieser Verhandlungen kam es am 4. Juni zu den ersten halbfreien Wahlen in Polen. Dabei konnten von den 460 Sitzen im polnischen Parlament, dem Sejm, nur 161 frei gewählt werden. Die Solidarność gewann alle diese Sitze. Um den innenpolitischen Frie-den zu wahren, unterstützte die Opposition die Wahl des bisherigen Staatschefs Jaruzelski zum Staatspräsidenten. Im Gegenzug setzte sie ihren Kandidaten als neuen Premier durch. Am 24. August 1989 wurde Tadeusz Mazowiecki zum ersten nicht-kommunistischen Regierungschef im Ostblock gewählt. Die Polen wählten den Gewerkschaftsführer Lech Wałęsa Ende 1990 zum Staatspräsidenten. Für die nachfolgende Entwicklung in Deutschland und Europa war die Friedliche Revolution in Polen von entscheidender Bedeutung. Der „Runde Tisch“ wurde zum Symbol für den Systemwandel im Ostblock.

Danzig – Stadt der Freiheit

Danzig (Gdańsk), eine Stadt, die seit über tausend Jahren in der Geschichte Europas präsent ist, hat das 20. Jahrhundert auf ganz besondere Weise geprägt. Hier begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg – und hier begann dank der Streiks in der Danziger Lenin-Werft unter Anführung von Lech Wałęsa 1980 und der Entstehung der Solidarność die beispiellose Friedliche Revolution in Europa. Die Ereignisse des August 1980 wurden zum ersten Meilenstein auf dem Weg zum Revolutionsherbst in Europa 1989, der zum Fall des kommunistischen Systems führte und schließlich die Ära des durch den Eisernen Vorhang geteilten Europas beendete. Danzig feiert jedes Jahr die Erinnerung an den August 1980 mit dem Fest der Freiheit. Wichtige, regelmäßig wiederkehrende Kulturereignisse wie das „Solidarity of Arts“-Festival und das „All about Freedom“-Festival oder die Gründung des Europäischen Solidarność Zentrums Gdańsk knüpfen an die Thematik von Freiheit und Solidarität an. Die Einladung Leipzigs, gemeinsam das Lichtfest zu feiern und so des großen, spontanen Freiheitskampfes seiner Einwohner zu gedenken, ist für Danzig eine Ehre und Freude. Dieses Ereignis verbindet die Einwohner der beiden europäischen Städte der Freiheit.