Tschechien/Slowakei (2013)

Umweg über Prag

Am 30. September 1989 zerbrach ein weiteres Stück des „Eisernen Vorhanges“, der Europa seit Jahrzehnten in zwei sich feindlich gegenüberstehende Blöcke geteilt hatte. Der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Hans-Dietrich Genscher, verkündete vom Balkon der Prager Botschaft, dass die SED-Führung der Ausreise der ostdeutschen Flüchtlinge zugestimmt hatte, die sich auf das Botschaftsgelände geflüchtet hatten. Ein Jubelsturm brach los.

1939 hatte das nationalsozialistische Deutschland die Tschechoslowakei annektiert. Sowjetische Truppen, aber auch Einheiten der US-Armee befreiten das Land von der NS-Terrorherrschaft. Zuvor hatten sich 1944 Slowaken gegen ihre klerikal-faschistische Regierung und deren deutsche Unterstützer erhoben, im Mai 1945 war in Prag ein Aufstand ausgebrochen. Insgesamt entstand die Tschechoslowakei weitgehend erneut in ihren Vorkriegsgrenzen, die Regierung übernahm eine Koalition der „Nationalen Front“ unter Präsident Edvard Beneš und rund drei Millionen Deutsche wurden aus dem Land vertrieben.

In den folgenden Jahren gelang es den Kommunisten der KPČ, ihre politische Macht auszubauen und mit der Verstaatlichung der Wirtschaft zu beginnen. Gleichzeitig wuchs das Interesse der Sowjetunion, die Tschechoslowakei in ihr Machtsystem zu integrieren. Das gelang, als am 20. Februar 1948 die nichtkommunistischen Minister der Regierung aus Protest gegen das Moskauer Verbot des Beitritts zum Marshall-Plan zurücktraten. Jetzt zwangen die Kommunisten den Präsidenten, eine kommunistische Regierung unter Klement Gottwald zu berufen und ohne Neuwahlen zu vereidigen. Brutaler Terror gegen Andersdenkende und politische Gegner folgte. Schauprozesse wie der von Jihlava, der sich gegen die katholische Landbevölkerung richtete, oder der gegen die Frauenrechtlerin Milada Horáková machten deutlich, dass die Kommunisten ihren Machtanspruch mit allen Mitteln durchsetzen würden. Auch 15.000 Mitglieder der kommunistischen Partei standen vor Gerichten und erhielten lange Haftstrafen oder das Regime ließ sie sogar zum Tode verurteilen. Der Höhepunkt dieses Terrors war erreicht, als der Generalsekretär der KPČ, Rudolf Slánský zusammen mit weiteren zehn Angeklagten 1952 in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Der Slánský-Prozess mit seinen antisemitischen Vorwürfen war Vorbild für eine Reihe weiterer Schauprozese auch in anderen Staaten des sowjetischen Imperiums.

Im einheitlichen Staat aus den Landesteilen Böhmen, Mähren und der Slowakei besaß die Slowakei eine gewisse Autonomie, ohne jedoch eigene Ansprüche wirklich durchsetzen zu können.

Auch nach Stalins Tod und der mit dem XX. Parteitag der KPdSU eingeleiteten „Tauwetterperiode“ kam es weder zu einer Auswechslung der stalinistischen Führungsgruppe noch zu einer Rehabilitierung der Opfer politischer Repression. Schließlich proklamierte die Verfassung von 1960 die „Tschechoslowakische Sozialistische Republik“ und verankerte auch formal die führende Rolle der KPČ. Unter ihrem neuen Generalsekretär, dem Slowaken Alexander Dubček, begann 1968 der Versuch einer Liberalisierung und Demokratisierung des Landes aus der kommunistischen Partei heraus. Aber auch eine kritische Öffentlichkeit unterstützte den Versuch, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu schaffen, der weltweit auf Sympathie stieß. In diesem Prager Frühling schaffte die Regierung die Pressezensur ab, garantierte Meinungsfreiheit und erlaubte Reisen ins westliche Ausland. Diese Entwicklung empfanden verschiedene kommunistische Politiker und ihre Regierungen in anderen Ländern des Moskauer Imperiums als Bedrohung ihrer eigenen Herrschaft. Sie ließen am 21. August 1968 ihre Truppen in die Tschechoslowakei einmarschieren und den Reformsozialismus niederwerfen. Tschechen und Slowaken wehrten sich tapfer mit zivilem Widerstand, unterlagen jedoch. Auch in der SED-Diktatur gab es vielfältigen Widerstand gegen diese Aggression. Für viele Oppositionelle in ganz Mittelosteuropa war jedoch mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen die letzte Hoffnung auf eine Reform stalinistischer Herrschaftssysteme endgültig zerstört. Die Selbstverbrennung von Jan Palach am 16. Januar 1969 auf dem Prager Wenzelsplatz war ein Akt des Protestes.

Erst in den 1970er-Jahren entstand in der Tschechoslowakei eine neue kritische Bürgerbewegung. Hier erlangte die Charta 77 mit dem Schriftsteller Václav Havel an der Spitze besondere Bedeutung. Die Charta hatte sich den Schutz der Menschenrechte und den Kampf gegen politische Repression auf die Fahne geschrieben. Trotz aller Aktionen der Staatsmacht konnte sie nicht in die Knie gezwungen werden und war für die Opposition in den anderen Ostblockstaaten Ermutigung und Partner zugleich. Auch die Leipziger Oppositionsgruppen hatten Kontakte. Im März 1989 organisierten sie gemeinsam mit anderen einen DDR-weiten Tag für die Solidarität mit den in der ČSSR Inhaftierten, unter denen sich zu dem Zeitpunkt auch Václav Havel befand.

Die Welle der Friedlichen Revolutionen in Mittelosteuropa erfasste auch die Tschechoslowakei, wobei die Ereignisse in der DDR von besonderer Vorbildwirkung waren. Nach dem „Tag der Entscheidung“, dem 9. Oktober 1989 in Leipzig, und dem Fall der Berliner Mauer am 9. November kam es zudem in Bratislava und Prag zu mehrtägigen Demonstrationen. In dieser Samtenen Revolution war der 17. November mit seinen Großprotesten für Freiheit und Demokratie entscheidend. Nach Verhandlungen mit dem „Tschechischen Bürgerforum“ und der slowakischen Bewegung „Öffentlichkeit gegen Gewalt“ trat die kommunistische Führung zurück. Damit endete auch die Herrschaft der KPČ, deren Führungsanspruch die oppositionellen Kräfte aus der Verfassung strichen. Freiheit und Demokratie hatten sich auch in der Tschechoslowakei durchgesetzt. Ende Dezember 1989 wählten Tschechen und Slowaken Václav Havel zu ihrem Präsidenten und in den ersten freien Parlamentswahlen am 8. Juni 1990 siegten „Bürgerforum“ und „Öffentlichkeit gegen Gewalt“ gemeinsam und bildeten die neue Regierung. Die Tschechoslowakei öffnete ihre Grenzen und der Weg nach Europa war geebnet. Tschechen und Slowaken trennten sich staatlich am 1. Januar 1993 – allerdings ohne Volksbefragung – friedlich voneinander.

Der Kampf und der Sieg der tschechoslowakischen demokratischen Opposition gehören genauso wie die Zivilcourage der Bürgerrechtler anderer mittelosteuropäischer Staaten heute in die demokratische Geschichtskultur eines sich einenden Europas, die sich auch auf die gemeinsame Erinnerung an Freiheitskämpfe berufen muss.

Brünn – Stadt inmitten Europas

Brünn (Brno), zweitgrößte Stadt der Tschechischen Republik und Metropole Mährens, verbindet seit nunmehr 40 Jahren eine enge Partnerschaft mit Leipzig, die selbst politische Umwälzungen auf beiden Seiten überdauert hat.

In Brünn kam es ab dem 20. November 1989 zu Demonstrationen und öffentlichen Diskussionen zur Lage der Republik. Die Prager revolutionäre Atmosphäre des 17. November sprang auf die Brünner Bevölkerung über. Auf dem Platz der Freiheit (nam. Svobody) trafen sich die demonstrierenden und streikenden Bürger. Hauptträger der Brünner Ereignisse waren die Studentenschaft und die Brünner Theater. An der Masaryk Universität Brünn und an der Janáček-Akademie der musischen Künste bildeten sich die Hauptzentren der Studentenproteste, an denen auch Milan Uhde (Brünner Autor und Politiker, bedeutender Vertreter der Dissidentenbewegung und der Samtenen Revolution sowie diesjähriger Redner zur Demokratie) teilnahm. Seine Werke waren bis 1989 verboten. Er arbeitet bis heute oft mit dem Brünner Experimentaltheater „Divadlo Husa na provázku“ zusammen, das mit einem Gastspiel zu Leoš Janáček am 10. Oktober im Leipziger Anker auftreten wird. Das Theater prägt auch eine besondere Verbindung und langjährige Zusammenarbeit mit Václav Havel, war das Zentrum des Streiks der Theaterszene und Ort von allabendlichen Diskussionen und Zusammenkünften. Noch heute ist es von experimentellem und kritischem Geist geprägt.

Jedes Jahr wird in Tschechien mit offiziellen Gedenkakten an den Beginn der Samtenen Revolution im Jahr 1989 erinnert. Der 17. November wird als „Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie“ gefeiert, weshalb die Einladung Leipzigs, das Lichtfest in diesem Jahr mitzugestalten und so gemeinsam der Ereignisse vor 24 Jahren zu gedenken, mit großer Freude angenommen wurde. Als weiterer Höhepunkt wird nach dem Lichtfest die Altslawische Messe mit dem Chor der Brünner Philharmonie in der Nikolaikirche zur Aufführung kommen.