Juni 1989

4. Juni 1989

Für den 4. Juni war anläßlich des Weltumwelttages die Veranstaltung "Eine Hoffnung lernt gehen - Pleißepilgerweg 1989" vom Arbeitskreis Weltumwelttag organisiert worden. Der Spaziergang entlang der ursprünglichen Lebensader Leipzigs, die 1956 verrohrt, verschüttet, abgedeckt und unterirdisch abgeleitet wurde, sollte beispielhaft auf die Umweltsituation in der Stadt aufmerksam machen. Er trug aber auch die politische Botschaft, daß die Probleme des real existierenden Sozialismus nicht weiter unter Verschluß gehalten werden konnten. "Die Pleiße ist uns Geländer für gesellschaftliche Veränderungen" hieß es in einer Erklärung des Vorbereitungskreises.
Der Pilgerweg wurde, obgleich er offiziell angemeldet worden war, wenige Tage vor dem 4. Juni durch die staatlichen Stellen verboten. Die geplanten Gottesdienste fanden dennoch statt und wurden am Nachmittag von 1.000 und am Abend von 400 Personen besucht. Die Sicherheitskräfte führten an diesem Tag insgesamt 74 Personen zu, die meisten davon direkt vor dem Gebäude der SED-Bezirksleitung in der Karl-Liebknecht-Straße 145, als sie auf dem Weg von der Paul-Gerhard-Kirche in Connewitz zur Reformierten Kirche in der Innenstadt angeblich den verbotenen Weg entlang der Pleiße gehen wollten.
Am 11. Juni fanden zwei Umweltgottesdienste in der schwer geschundenen Region um Leipzig statt: Der eine in Deutzen, Kreis Borna wo, so weit das Auge reichte, nur Tagebaulöcher, Brikettfabriken, Braunkohlenschwelereien und Dreck zu sehen waren. Der zweite Umweltgottesdienst fand in dem kleinen Ort Schwarzer Kater bei Börln, Kreis Oschatz, statt, in dem nach geheimgehaltenen Informationen ein weiteres Atomkraftwerk in unmittelbarer Nähe der Großstädte Leipzig und Halle entstehen sollte. Einen dort geplanten Pilgerweg untersagten die staatlichen Stellen ebenfalls.
In der Nacht vom 3. zum 4. Juni waren die Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking durch Armee-Einheiten mit Panzern niedergeschlagen worden. Die offizielle DDR-Berichterstattung befürwortete das Massaker an friedlichen Demonstranten. Die "Chinesische Lösung" hing von nun an wie ein Damoklesschwert über allen weiteren öffentlichen Aktivitäten.

 

10. Juni 1989

Für den 10. Juni war ein Straßenmusikfestival in Leipzig geplant. Straßenmusik beäugten die Behörden in der DDR, wie alle spontanen Aktivitäten, stets mißtrauisch und duldeten sie nur in wenigen Städten und nach vorheriger staatlicher Genehmigung. Die Idee zu diesem Festival ging auf den Theologiestudenten Jochen Läßig zurück, der als Straßenmusiker in Leipzig bereits mehrfach schlechte Erfahrungen mit der Staatsmacht gemacht hatte. Dabei war ihm deutlich geworden, daß auch Straßenmusik ein Politikum war: "Das Fest sollte ein Zeichen setzen für die Perversion eines Systems, das Lebendigkeit und spontane Lebensfreude unterdrückt." Bereits in der Einladung kalkulierten die Organisatoren und Musiker die Konfrontation ein:
"Die Frage der Genehmigung ist bisher nicht geklärt, wir wollen uns allerdings davon auch nicht abhängig machen. "Wie zu erwarten, war auch diese Veranstaltung von den staatlichen Stellen verboten worden. Als eine Begründung wurde angegeben, daß am gleichen Tag das Pressefest der SED-Bezirkszeitung LVZ stattfand und keine Konkurrenzveranstaltung geduldet würde. Trotz des Verbotes trafen viele Musiker aus der ganzen DDR in Leipzig zusammen und spielten zur Freude der Passanten bis in die Mittagsstunden in der Innenstadt. Gegen 12.00 Uhr fuhr die Volkspolizei vor und lud die Musiker plötzlich samt ihrer Instrumente äußerst brutal auf LKW's und führte sie zu. Die Verhaftungen dauerten bis zum Nachmittag an. Kurz vor Beginn der Motette des Thomanerchores wurden die letzten noch auf freiem Fuß befindlichen Musiker vor der Thomaskirche am Bachdenkmal eingekesselt und ebenfalls zugeführt.
Bei vielen Zeugen lösten die Übergriffe der Sicherheitsorgane Entsetzen und Unverständnis aus. So wurde aus "unbeteiligten Passanten eine protestierende Menge". Diese Erfahrung, die Vaclav Havel im Frühjahr 1989 vor einem Prager Gericht äußerte, war im Sommer und Herbst des Jahres 1989 auch in Leipzig immer wieder zu machen und hat zum stetigen Anschwellen des öffentlichen Protestes beigetragen.