März 1989

Seit September 1982 fanden in der Nikolaikirche jeden Montag Friedensgebete statt. Hier entwickelte sich ein öffentlicher Ort, an dem man sich wöchentlich zu Liedern, Informationsaustausch und Gebet treffen konnte. 1988/89 stiegen die Besucherzahlen aufgrund der sich zuspitzenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung stark an. Die Friedensgebete erlangten in diesem Konflikt eine neue Bedeutung, so daß der Staat versuchte, sie aus der Nikolaikirche zu drängen, zumindest aber die Gruppen bei der Ausgestaltung stark zu reglementieren. So fanden zunehmend Aktionen im Anschluß vor der Kirche statt und es entstand eine neue, nahezu ideale Öffentlichkeit:
Nach dem Gebet verweilten viele in kleinen Grüppchen auf dem Nikolaikirchplatz und verließen ihn erst nach einiger Zeit regen Informationsaustausches und gespannten Wartens.
Am Montag während der Leipziger Frühjahrsmesse zogen im Anschluß an das Friedensgebet ca. 300 Ausreiseantragsteller und andere von der Nikolaikirche in Richtung Markt. Erst nach längerer Zeit konnte der Demonstrationszug, der sich bereits in Richtung Thomaskirche bewegte, durch die Sicherheitsorgane u nd von der SED organisierte sogenannte "Gesellschaftliche Kräfte" aufgelöst werden. Aufgrund der während der Messe in Leipzig anwesenden westlicher Journalisten entschloß sich die Staatsicherheit und die Volkspolizei nur zu zurückhaltenden Maßnahmen. Der Spiegel kommentierte dies unter der Überschrift "SED-Spitze bremst Stasi".
Um "potentielle Störfaktoren" und Demonstrationswillige unter den Antragstellern auf ständige Ausreise aus dem Land zu drängen, führte die Staatssicherheit die Aktion "Auslese" durch. Hinter diesem Decknamen verbarg sich die irrige Annahme, man müsse nur genügend Leipzigern die Ausreise genehmigen, um somit wieder Ruhe im Bezirk herzustellen. Bis zum Vorabend der Kommunalwahl genehmigten die Behörden der Hälfte der vorgesehenen ca. 4.000 Personen die Übersiedlung in die Bundesrepublik.