November 1989

Das Neue Forum war am 10. September mit der Erklärung "Aufbruch 89" an die Öffentlichkeit getreten. Mitunterzeichner dieser DDR-weiten Initiative war auch der damalige Leipziger Medizinstudent Michael Arnold. Am 13. September rief er in einem Anschlag an der Informationstafel in der Nikolaikirche zum Aufbau des Neuen Forums in Leipzig auf. Zugleich verbreitete die nach den Inhaftierungen am 11. September geb ildete Kontaktgruppe für die Fürbittgebete bei ihren Veranstaltungen die Informationen über das Neue Forum (NF), so daß sich schon bald eine Eigendynamik entwickelte. So meldeten am 19. September drei Leipziger Bürgerrechtler das Neue Forum für den Bezirk Leipzig an.
Ihnen wurde am 25. September erklärt, daß das Neue Forum "feindlich" sei und deshalb verboten. Am Abend riefen die Demonstranten u.a.: "Neues Forum zulassen". Eine erste öffentliche Veranstaltung organisierten die Leipziger Begründer des Neuen Forums am 8. Oktober in der Michaelisgemeinde. Zu gleicher Zeit sammelte die Stasi die Namen der Unterstützer, um sie bei Auslösung des Ausnahmezustand es "isolieren" zu können. An den Demonstrationen nahmen stets "Delegierte" des NF teil. Erstmals hielten sie am 23. Oktober mit einem Megaphon auch öffentliche Reden ("Hier spricht das Neue Forum"). Zur gleichen Zeit bezog das NF ein Abrißhaus und begann mit der Herausgabe eines eigenen Informationsblattes.
Am 18. November fand auf dem Platz vor dem ehemaligen Reichsgericht mit über 10.000 Teilnehmern in Leipzig die erste genehmigte Kundgebung des Neuen Forum statt. Mehrere Redner forderten weiterreichende Reformen, einige die Kontrolle oder gar Auflösung der Staatssicherheit. Der Machtanspruch der SED wurde von allen Rednern angegriffen.
An den beiden folgenden Montagen zogen wieder jeweils 200.000 Demonstranten um den Ring, um deutlich zu machen, daß der Prozeß der Erneuerung gerade erst begonnen hat und keinesfalls abgeschlossen ist. Losungen wie "SED und Stasi lacht. Volk durch Visa besoffen gemacht" gaben der Führung zu verstehen, daß sie die schwächere Beteiligung keineswegs als Festigung ihrer Macht auslegen durfte.