Oktober 1989

2. Oktober 1989

Ab Freitag, dem 29. September, verstärkte die Leipziger Volkszeitung im Auftrag der SED-Bezirksleitung ihre Angriffe gegen die Friedensgebete. Unter der Überschrift "Wir wollen weiter in Ruhe und Geborgenheit leben" wurden die ersten der bestellten Leserbriefe abgedruckt. All diese "offensiv-politischen Maßnahmen" der SED gingen jedoch an den eigentlichen Ursachen der Unzufriedenheit vorbei. Am 2. Oktober zogen bereits 20.000 Personen auf dem Leipziger Ring entlang, vorbei am Hautbahnhof zum Kaufhaus "Konsument". Auf dem Tröndlinring versuchte eine Polizeikette den Demonstrationszug aufzuhalten.
Diese Kette wurde durchbrochen und die Menschen zogen weiter über den Ring vorbei an der Stasi-Bezirksverwaltung, der "Runde Ecke", bis hin zur Thomaskirche. Als die nun noch ca. 2.000 Demonstranten wieder in die Innenstadt zurückkehren wollten, kam es erstmals zum Einsatz von Spezialeinheiten der Polizei mit Hunden und sogenannter Sonderausrüstung (Helm, Schild etc.) - ein in der Stadt Leipzig bis dahin nie gesehener Anblick. Es wurden wieder viele Beteiligte festgenommen.
Am 6. Oktober versuchte die SED mit der Ankündigung einer "chinesischen Lösung" die Menschen massiv einzuschüchtern. Mit dem bestellten Leserbrief eines Leipziger Kampfgruppenkommandeurs drohte die Partei- und Staatsführung am Vorabend des 40. Jahrestages der DDR, daß sie bereit wäre, auch Waffen gegen das eigene Volk einzusetzen. In der Leipziger Volkszeitung, dem Organ der SED-Bezirksleitung, hieß es: "Wir sind bereit und Willens, das von uns mit unserer Hände Arbeit Geschaffene wirksam zu schützen, um diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muß mit der Waffe in der Hand."
Auch im Nachbarbezirk Dresden spitzte sich die Lage zu. Am 3. Oktober waren die Grenzen zur CSSR geschlossen worden. Am 4. und 5. Oktober fuhren die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen aus Prag durch Dresden in die Bundesrepublik. Es kam zu schweren Auseinandersetzungen.

 

 

7. Oktober 1989

Am 40. und letzten Geburtstag der DDR, dem Nationalfeiertag am 7. Oktober, kam es allein in der Stadt Leipzig nach Demonstrationen von über 4.000 Personen zu 210 Verhaftungen. Die Zugeführten wurden erstmals in Pferdeställen auf dem Gelände der Landwirtschaftsausstellung "agra" in Leipzig-Markleeberg unter menschenunwürdigen Bedingungen zusammengepfercht. Während in Berlin Feierlichkeiten in Anwesenheit von Gorbatschow und vielen anderen Regierungschefs abgehalten wurden, kam es in der ganzen DDR zu starken Protesten.
Am nächsten Tag wies der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, "unter dem Gesichtspunkt der Verschärfung der Lageentwicklung" an, "alle Personen herauszuarbeiten, von denen aufgrund vorliegender Hinweise und Erkenntnisse in Verbindung mit der möglichen Lageentwicklung antisozialistische und andere feindlich-negative Handlungen und Aktivitäten zu erwarten bzw. nicht auszuschließen sind". Aufgrund dieser Weisung überprüfte die Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig alle infrage kommenden Personen dahingehend, ob sie gemäß der Kennziffer 4.1. des sogenannten "politisch-operativen Vorbeugekomplexes" inhaftiert werden oder in einem Isolierungslager verschwinden sollten. Die Planung für diese Maßnahmen wurde seit über 20 Jahren ständig aktuell gehalten, waren jedoch aufgrund der rasanten Entwicklung nicht mehr auf dem neuesten Stand. Am Sonntagnachmittag, dem 8. Oktober, fand beim Leiter der BVfS, Generalleutnant Manfred Hummitzsch, eine Beratung mit den Leitern aller Diensteinheiten statt. Er stellte fest, daß eine "besondere Situation", ein "neuer 17. Juni" eingetreten wäre. DDR-weit wurden in den ersten 8 Tagen des Monats Oktober 3.318 Personen zugeführt. Gegen mehr als 600 leitete die Staatsanwaltschaft in dieser Woche Ermittlungsverfahren mit Haft ein. Die Untersuchungsabteilung des MfS schlug drakonische Strafen vor: So sollten "Teilnehmer [oder] Ignorierer der Aufforderung zur Auflösung" bis 3 Monate und "Rufer [oder] Mitläufer" 6 Monate per Strafbefehl eingesperrt werden. "Bei leichten Tätlichkeiten [oder] bei Vorgehen gegen Sperrgitter" wurde ein Jahr Gefängnis vorgeschlagen.

 

 

9. Oktober 1989

Am Abend des 9. Oktober demonstrierten nach den Friedensgebeten trotz großer Angst vor bewaffneten Auseinandersetzungen über 70.000 Bürger auf dem Leipziger Ring gegen das SED-Regime. Die bereit stehenden 8.000 Polizisten, Angehörige der Kampfgruppen und auch Soldaten der NVA kamen nicht zum Einsatz. Die infolge des 17. Juni 1953 geplanten und danach immer perfekter vorbereiteten Maßnahmen waren undurchführbar geworden. Die Sicherheitsorgane standen nicht, wie sie sich jahrzehntelang eingeredet hatten, einer Hand voll Rädelsführern und Handlangern“ gegenüber, die von „reaktionären imperialistischen Kreisen“ ferngesteuert wurden, sondern großen Teilen der Bevölkerung. Tausende Bürger wagten zu artikulieren, was allgemein gedacht wurde. Der wahrhaft demokratische Ruf „Wir sind das Volk“ verdeutlichte dies sowohl den Machthabern als auch ihrem Sicherheitsapparat auf ebenso einfache wie unwiderlegbare Weise. Der Schutz eben dieses Volkes war ja der offizielle moralische Anspruch der Sicherheitsorgane, auch der des Ministeriums für Staatssicherheit. In den folgenden Monaten versuchte die SED, durch das Zauberwort „Dialog“ mit den Bürgern in das lange überfällige Gespräch zu kommen. Damit sollten die Menschen vor allem von der Straße weggeholt werden. All die taktischen Manöver und Aktionen der nächsten Wochen zielten darauf, sich den ursprünglichen Machtverhältnissen wieder anzunähern, um mit gewohnten Mitteln gegen die Demonstranten vorgehen zu können. Noch bis Mitte November hatte auch Egon Krenz jeden Montag bis zu 30 Hundertschaften der Nationalen Volksarmee nach Leipzig verlegen lassen. So war der 9. Oktober ein erster Sieg über das alte Regime, der jedoch in den nächsten Wochen und Monaten verteidigt werden musste.
An den folgenden Montagen entwickelten sich aus den anfänglich unschlüssig vor der Kirche Stehenden die machtvollen Demonstrationen auf dem Innenstadtring, die in Leipzig und weit darüber hinaus die als Friedliche Revolution bezeichneten gesellschaftlichen Umwälzungen voranbrachten. Jene Hunderttausende, die Montag für Montag über den Leipziger Ring zogen, zeigten ihren festen Willen, sich nicht mit Tricks und kosmetischen Veränderungen zufrieden zu geben.
Der Sturz Erich Honeckers am 18. Oktober bewirkte keine Abnahme der Demonstrationen. Die überall angebotenen Dialogveranstaltungen wurden rege besucht, brachten aber nicht die erhofften Konsequenzen. Am 23. Oktober demonstrierten 200.000 Menschen auf dem Ring für Reformen und die Zulassung des Neuen Forums. Die Gespräche mit den Vertretern aus Partei und Staat gingen weiter. Mit den Ergebnissen waren die Bürger ebenso unzufrieden wie mit dem Tempo der Veränderungen. 250.000 bis 300.000 Menschen zogen am 30. Oktober über den sechsspurigen Innenstadtring. In strömendem Regen fand am 6. November die gewaltigste Montagsdemonstration in Leipzig statt. 400.000 bekundeten ihren Willen zur Veränderung. Transparente und Losungen forderten vor allem ein Ende des Machtmonopols der SED, das Zulassen des Neuen Forums und immer wieder freie Wahlen.
Nach dem Fall der Mauer am 9. November nahm die Zahl der Demonstranten stark ab. 150.000 demonstrierten am 13. November gegen die SED und zunehmend gegen die Staatssicherheit. Die Forderung nach der Bestrafung der Schuldigen rückte mehr und mehr in den Mittelpunkt.