September 1989

4. September 1989

Der Leiter der Leipziger Bezirksverwaltung für Staatssicherheit, Manfred Hummitzsch, sagte am 31. August auf einer Dienstkonferenz bei Stasi-Minister Mielke: "Die Lage ist so, Genosse Minister, nachdem jetzt acht Wochen Pause war - und wir dort außer ein paar unbedeutenden Einzelbewegungen im Vorfeld der Kirche, die wir unter Kontrolle hatten - findet jetzt zur Messe am 4.9. 17.00 Uhr, das erste Mal wieder dieses operativ relevante 'Friedensgebet' statt". Noch tönte er siegessicher: "Die Lage wird kompliziert sein, aber ich denke, wir beherrschen sie".
In dieser vermeintlichen Sommerpause hatte sich eine Verlagerung des Protestes hin zur "Abstimmung mit den Füßen" vollzogen.
Der am 2. Mai begonnene Abbau des ungarischen Grenzzaunes zu Österreich hatte in den folgenden Monaten eine ständig anwachsende Fluchtwelle von DDR-Bürgern über Ungarn in die Bundesrepublik ausgelöst. Auch die Zahl der Besetzer der Prager Botschaft der Bundesrepublik stieg ständig an.
Nach der Sommerpause kam es ab dem 4. September wieder regelmäßig im Anschluss an das Friedensgebet zu Demonstrationen und anderen Aktionen für die Genehmigung der ständigen Ausreise in die Bundesrepublik.
Am Montag während der Leipziger Herbstmesse fand auf dem Platz vor der Nikolaikirche auch eine Demonstration von Mitgliedern Leipziger Basisgruppen statt. Sie trugen große Transparente, auf denen unter anderem "Für ein offenes Land mit freien Menschen" zu lesen war. Nur wenige Sekunden nach dem Entrollen rissen junge Männer in Zivil die Plakate herunter. Darauf rief die Menge: "Stasi raus". Diese Vorgänge wurden von den anwesenden westlichen Kameras gefilmt und in die ganze Welt übertragen.
Neu an diesem Abend war auch der Ruf der Demonstranten "Wir bleiben hier". Die bis dahin bestehende Barriere zwischen den "Ausreisern", die den Platz mit dem Satz "Wir wollen raus" beherrscht hatten, und den "Hierbleibern" war gebrochen. An den folgenden Montagen demonstrierten sie gemeinsam für eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, wenn auch mit unterschiedlichen Motivationen.

 

 

25. September 1989

Die weit über 1.000 Besucher des Friedensgebetes am 11. September sahen sich beim Verlassen der Nikolaikirche mit dichten Polizeiketten konfrontiert. Der Nikolaiplatz war hermetisch abgeriegelt. Polizei und Staatssicherheit führten 89 Personen zu, die teilweise bis zur Amnestie im Oktober in Haft bleiben mussten. Per Strafbefehl wurden Ordnungsstrafen bis zu 5.000 M ausgesprochen. Bereits eine Woche später, am 18. September, war die Nikolaikirche zum Friedensgebet nahezu überfüllt. Wieder zog die Polizei in dichten Sperrketten um die Kirche auf und nahm erneut Verhaftungen vor.
Erich Honecker, der sich nach längerer Krankheit Ende September zum Dienst zurückmeldete, wies am 22. diesen Monats die 1. Sekretäre der SED-Bezirksleitungen fernschriftlich an, "daß diese feindlichen Aktionen im Keime erstickt werden müssen, daß keine Massenbasis dafür zugelassen" werden dürfe. Außerdem sei Sorge dafür zu tragen, "daß die Organisatoren der konterrevolutionären Tätigkeit isoliert werden".
Drei Tage später, am 25. September, beteiligten sich an der Montagsdemonstration in Leipzig schon über 5.000 Menschen, die Reformen und die Zulassung des Neuen Forums forderten, das am gleichen Tag vom Ministerium des Innern verboten worden war. Pfarrer Christoph Wonneberger schloss seine Predigt mit den Worten: "Wir können auf Gewalt verzichten". Nach der Andacht strömten die Menschen nach draußen und sahen sich Polizeiketten gegenüber, die die Straßen zum Markt in der Innenstadt sperrten. So zog die Menge zum Karl-Marx-Platz, vereinigte sich mit den in den Nebenstraßen Wartenden und demonstrierte auf dem Leipziger Ring bis zum Konsument, ohne dass es zu einem Eingriff der Polizeikräfte kam.
Vor der "Runden Ecke", dem Gebäude der Staatssicherheit, kehrten die Demonstranten ohne äußeren Anlass um und liefen zurück zum Hauptbahnhof. Man wollte wohl einer möglichen Konfrontation mit der Stasi aus dem Weg gehen und Friedfertigkeit zeigen.