Lichtfest 2017

9. Oktober I 17–18 Uhr I Nikolaikirche

Predigt: Reformationsbotschafterin Dr. Margot Käßmann
Musik: Maria Wolfsberger – Orgel

Das Friedensgebet findet auch in diesem Jahr zum Gedenken an den 9. Oktober statt. Bereits seit 1982 hatten Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen regelmäßig zu Friedensgebeten in die Nikolaikirche eingeladen. Von hier gingen im September 1989 die Montagsdemonstrationen aus. Nach den Montagsgebeten am 9. Oktober versammelten sich in der Leipziger Innenstadt schließlich mehr als 70.000 Menschen, um gewaltfrei zu demonstrieren – der Durchbruch für die Friedliche Revolution.

 

 

9. Oktober I 18:30–19:30 Uhr I Nikolaikirche

Zu den Höhepunkten der Veranstaltungen am 9. Oktober in Leipzig gehört seit 2001 die Rede zur Demokratie. Sie schließt sich fast nahtlos an das Friedensgebet in der Nikolaikirche an. Zu den Rednern gehörten bereits der Bundespräsident, der Bundestagspräsident, der Präsident des Bundesrates und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Seit 2010 wird die Rede von Persönlichkeiten gehalten, die sich um die Demokratie in Europa verdient gemacht haben, zum Beispiel der tschechische Schriftsteller und Politiker Milan Uhde oder der ehemalige polnische Botschafter in Deutschland, Marek Prawda. Im vergangenen Jahr hat der damalige Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, die Rede gehalten. Für dieses Jahr hat der polnische Publizist und Buchautor Adam Krzemin´ski zugesagt. Mit ihm erwartet Leipzig einen hervorragenden Kenner der deutsch-polnischen Beziehungen sowie der Demokratiebewegungen gegen Ende des Kalten Krieges in Mittelosteuropa.

 

 

9. Oktober 2017 | 20.00 Uhr | Lichtfest | Augustusplatz

Nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche beschließt das Lichtfest Leipzig am 9. Oktober als emotionaler Höhepunkt den Tag. Unter dem Motto „Aufbruch – Verantwortung – Offenheit“ rückt es auf dem historischen Versammlungsort von 1989, dem Augustusplatz, erneut zivilgesellschaftliche Aspekte der Friedlichen Revolution in den Fokus.

Mit Talk, Jazz und Video setzt der künstlerische Leiter Jürgen Meier in diesem Jahr neue künstlerische Akzente. Claudius Nießen, Geschäftsführer des Deutschen Literaturinstituts und Autor, führt moderierend durch die knapp einstündige Veranstaltung. Im Verlauf des Abends begrüßt er mehrere Gäste, die sowohl über persönliche Erinnerungen sprechen als auch den Bogen zur aktuellen politischen Situation in Deutschland spannen. Historische und aktuelle Foto- und Videoaufnahmen, projiziert auf große Leinwände im Hintergrund, unterstreichen das Gehörte und transportieren die Aufbruchstimmung der damaligen Zeit in das Hier und Jetzt. Das Stephan König Jazz-Quartett sorgt zwischen den einzelnen Gesprächen für emotionale Momente. Fünf eigens für das Lichtfest kreierte Kompositionen sind Grundlage für die Bildund Soundatmosphäre und prägen die Rhythmik des Abends. Natürlich sind die Besucher auch in diesem Jahr wieder herzlich eingeladen, aus Tausenden Kerzen eine leuchtende 89 zu bilden.

Barrierefreiheit: Die Gespräche auf der Bühne werden in Gebärdensprache übersetzt. Für Rollstuhlfahrer steht ein Podest zur Verfügung.

Konzipiert und umgesetzt wird das Lichtfest von der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH.

 

 

Mitwirkende

Claudius Nießen, Moderation

Seit 2008 ist Claudius Nießen Geschäftsführer des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und kuratiert darüber hinaus Literatur- und Kunstformate im In- und Ausland. 1980 in Aachen geboren, arbeitete er zunächst für den WDR und die Verlagsgruppe Handelsblatt. Ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig war Anlass für den Umzug in die Messestadt, wo er bis heute lebt und ab 2005 zunächst als Geschäftsführer der Freien Akademie der Künste Leipzig tätig war. Zuletzt erschienen von ihm das Kunstbuch „Vinta“ und in Zusammenarbeit mit Clemens Meyer der Band „Zwei Himmelhunde“.

„Manche Erinnerungen verblassen. Müssen erst wieder wachgerufen werden. Sich erinnern ist an dieser Stelle kein Selbstzweck. Wir dürfen nicht vergessen, für welche Werte und Ziele andere für uns auf die Straße gegangen sind. Denn diese Werte machen uns, machen unsere Gesellschaft aus. Sie zu verteidigen ist ein hohes Gut. Für das jeder einzelne von uns einstehen muss.“

Jürgen Engert

Der Journalist Jürgen Engert, Jahrgang 1936, wuchs in Dresden auf. Weil ihm ein Studienplatz in der DDR verwehrt wurde, ging er nach West-Berlin und studierte dort an der Freien Universität und später an der Ludwig-Maximilians- Universität München Geschichte, Germanistik und Philosophie. Bei der West-Berliner Zeitung Der Abend fing er 1961 als politischer Redakteur an, wurde 1974 deren Chefredakteur. 1980 wandte sich er dem Medium Fernsehen zu. Beim SFB wurde er 1983 Leiter der Hauptabteilung Politik und schließlich 1987 Chefredakteur Fernsehen. In der ARD moderierte er von 1984 bis 1998 das Politmagazin Kontraste. Engert war Gründungsdirektor des ARD-Hauptstadtstudios und blieb bis zu seiner Pensionierung 2001 dessen Leiter.

„Leipzig. 9. Oktober 1989. Ich stehe am Straßenrand. Die Menschen ziehen an mir vorbei. Gegen die mächtige, sie umfassende Finsternis haben sie Lichter angezündet. Gesichter im Halbdunkel. Ernsthafte Heiterkeit in der Teilhabe an einem Urerlebnis. Was wird daraus werden? Die Menschen vor mir auf der Straße und ich am Rinnstein, wir wissen es nicht. Unsere Hoffnung: Es muss anders werden, damit es besser werden kann. Nach der erfolgreichen, friedlichen, deutschen Revolution auch in Europa, auch in der Welt: Schwestern und Brüder in eins nun die Hände? Denkste! Neue Krisen, neue Umbrüche, neue Bedrohungen. Der Kompass kreiselt. Geschichte vermittelt keine Anweisungen. Erinnern tut gut. Es enthebt aber nicht vor der Verpflichtung zu vita activa hier und jetzt.“

Anke Ertner

Anke Ertner, 1975 in Großenhain bei Dresden geboren, wuchs in Strausberg bei Berlin auf – in der DDR der wichtigste Standort der NVA, wo ihr Vater als Offizier und ihre Mutter als Lehrerin arbeiteten. Nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Frankfurt / Oder startete sie eine Karriere als Radio- und TV-Journalistin und arbeitete als Autorin für internationale Produktionsfirmen sowie als Medien- und Interviewtrainerin. Ihren ersten großen Dokumentarfilm „Generation ’89 – Erwachsenwerden im Wendejahr“ produzierte sie bewusst unabhängig und selbstständig. Denn mit diesem Film stellte sie sich einer besonderen Herausforderung: sie erzählte nicht irgendeine Geschichte. Generation ’89 ist die sehr persönliche Geschichte ihrer Freunde, ihrer Familie und nicht zuletzt ihre eigene. Anke Ertner lebt heute in Berlin und arbeitet an ihrem nächsten Dokumentarfilm, der wieder einen besonderen Aspekt der deutsch-deutschen Vergangenheit als Thema hat.

„Das Lichtfest in Leipzig ist für mich eine außergewöhnliche Veranstaltung, die dazu beiträgt, die Erinnerungen an eines der wichtigsten Ereignisse in unserem Land wach zu halten. Ich war 14 Jahre alt, als 1989 die Mauer fiel. Aufgewachsen in Strausberg bei Berlin und geprägt durch eine systemtreue Erziehung, gehörte ich im Herbst ’89 nicht zu den Menschen, die für die Freiheit demonstrierten. Erst nach dem Mauerfall habe ich langsam verstanden, wie außerordentlich diese friedliche Revolution war. Heute ist die deutsch-deutsche Geschichte zentrales Thema meiner Arbeit als Filmemacherin. Ich will aktiv mit dazu beitragen, dass unsere Geschichte bei der nachfolgenden Generation nicht in Vergessenheit gerät. Und daher ist es mir eine ganz besondere Ehre, beim Lichtfest in Leipzig dabei sein zu dürfen.“

Lutz Kinkel

Dr. Lutz Kinkel ist seit Mai 2017 Geschäftsführer des European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF) in Leipzig. Er bringt 20 Jahre Erfahrung und Leidenschaft im deutschen Journalismus mit und kennt sich vor allem in Politik- und Medienthemen bestens aus. Lutz Kinkel war Redakteur bei Spiegel Online, Tagesschau. de sowie elf Jahre beim stern, zuletzt als stellvertretender Leiter des Berliner Büros. Außerdem unterrichtet Kinkel Journalismus an der Akademie für Publizistik in Hamburg. Seine Doktorarbeit schrieb er über die NS-Filmregisseurin Leni Riefenstahl.

„Die Presse ist dazu da, den Mächtigen auf die Finger zu sehen. Dafür braucht sie: Freiheit. Ohne Pressefreiheit keine Demokratie. Die Leipziger haben sich beides 1989 erkämpft. Das muss man feiern. Und verteidigen. Dafür sind wir hier.“

Juliane von Reppert-Bismarck

Juliane von Reppert-Bismarck ist eine vielfach ausgezeichnete Journalistin, die sich dafür einsetzt, dass auch zukünftige Lesergenerationen guten von schlechtem Journalismus unterscheiden können. Nach zwei Jahrzehnten als Journalistin und Redakteurin in Europa und den USA gründete sie die Non-Profit-Organisation Lie Detectors, die ausgebildete Journalisten in Schulen schickt, um jungen Menschen zu zeigen, wie man wahre Meldungen von falschen unterscheiden kann. Juliane von Reppert-Bismarck hat aus fast allen Teilen der Welt berichtet, u. a. für das Wall Street Journal, MLex, Newsweek, Reuters und Spiegel Online. In ihrer journalistischen Tätigkeit legt sie ihre Schwerpunkte auf weltweite Regulierungstendenzen sowie die Schnittstelle zwischen Geld und Politik, vor allem im internationalen Handel. Sie ist Absolventin der Graduate School of Journalism der Columbia Universität in New York City und hat Geschichte an der Universität Edinburgh studiert. Als Kind von Seefahrern spricht sie Englisch, Deutsch, Spanisch, Französisch und Portugiesisch.

„Das Lichtfest erinnert an das, was möglich wurde, als Tausende sich entschieden, ihrem Wissensdrang zu folgen. Im Zeitalter der unendlichen Informationen gilt es, diesen Wissensdurst zu schärfen: zu begreifen, dass Propaganda weiterhin existiert, und dass auch Tatsachen nuanciert sein können. Für uns Journalisten, die täglich eine komplizierte Wirklichkeit befragen, gilt es, diese Neugierde an die neuste Generation zu vermitteln, damit sie mit offenen Augen ihre Welt ergründen kann.“

 

Musik:

Stephan König Jazz-Quartett

Das Stephan König Jazz-Quartett wurde 2010 gegründet und hat seither mehrere Programme im Grenzbereich zwischen Klassik und Jazz kreiert. Der Pianist, Komponist und Dirigent Stephan König, geboren 1963 in Berlin, studierte an der Hochschule für Musik „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. Er ist freischaffend und hat neben seiner Unterrichtstätigkeit an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater diverse Gastverträge bei namhaften Orchestern. Er wirkte bei zahlreichen CD-, Rundfunk- und Fernsehproduktionen mit. Konzertreisen führten ihn um die ganze Welt. König ist mehrfacher Preisträger internationaler Wettbewerbe und arbeitete u. a. mit Georg Christoph Biller, Uschi Brüning, Nigel Kennedy, Martin Petzold, Leipziger Streichquartett u.v.a. Seit 1998 leitet er das von ihm gegründete „LeipJAZZig-Orkester“ und seit 2007 das Kammerorchester „artentfaltung“.

„Meine Erinnerung an den Herbst ’89 ist verknüpft mit dem großen Erstaunen darüber, dass diese grundlegende politische und gesellschaftliche Veränderung ohne Blutvergießen möglich war. Dass dies auch bei aktuellen Konflikten und Veränderungen möglich wäre, ist wahrscheinlich manchmal utopisch – aber deshalb nicht minder hoffenswert.“

Stephan König Jazz-Quartett Stephan König, Klavier | Reiko Brockelt, Saxophon Thomas Stahr, Bass | Wieland Götze, Schlagzeug

Jürgen Meier, künstlerischer Leiter

Jürgen Meier lebt und arbeitet in Leipzig. Er studierte Kunst, Philosophie und Psychologie in Münster und in London. Für seine künstlerische Arbeit erhielt er mehrere Preise und Auszeichnungen. Seine Werke wurden international ausgestellt, unter anderem in San José, USA, und bei der Architekturbiennale in Venedig. Seit 2009 ist Jürgen Meier künstlerischer Leiter des Lichtfestes Leipzig.

„Faszinierend finde ich, dass mit der Friedlichen Revolution gleich drei Utopien realisiert wurden: die friedliche und freie Meinungsäußerung, die deutsche und die europäische Einheit. An die Stelle des Aufbruchs in ein einiges Europa sind neue Brüche getreten. Am Beispiel der Forderung nach Redefreiheit ’89 fragt und hinterfragt das Lichtfest Leipzig 2017: Wo sind die Werte hin, um die es ging? Wie gehen wir mit dem Impuls ’89 um? Wir befragen Neustarter, Geerdete und Türöffner. Talk, Jazz und Video vereinen freie Rede, Emotionen, Bilder der Erinnerung und der Wünsche an die Zukunft.“