Marek Prawda (2011)

Sehr geehrter Herr Superintendent,

Herr Oberbürgermeister,

Meine Damen und Herren,

Vor drei Wochen wurde in Berlin eine große Ausstellung zur Geschichte der deutschpolnischen Nachbarschaft eröffnet. Sie heißt „Tür an Tür“ und kann als eine Reise in Zeit und Raum verstanden werden. Eigentlich ist sie aber viel mehr eine Reise zum besseren Kennenlernen von zwei Völkern, deren Beziehungen nicht zu den unkompliziertesten gehören. Die Autoren ermutigen uns, symbolische Türen zu öffnen, uns selbst durch die Brille der Nachbarn zu betrachten und, vor allem, unsere heutigen Beziehungen mit „neuen Farben“ zu bereichern.

In der Ausstellung habe ich Fotos von Demonstrierenden in Warschau und Leipzig aus den 80er Jahren gesehen, die nahe beieinander hingen. Offensichtlich kam die polnische Kuratorin zu dem Schluss, dass wichtige Chancen für „die neuen Farben“ und Inspirationen in unserer Nachbarschaft in der parallel verlaufenden friedlichen Revolution zu suchen sind. Und dass dabei Leipzig eine der zentralen Rollen zukommt. Es ist für mich daher ein besonderes Privileg, diese Beobachtung in der legendären Nikolaikirche aus polnischer Sicht kommentieren zu dürfen.

Gestaltbare Welt

Im Spätsommer 1989 nahm die Geschichte in Polen einen beschleunigten Lauf. Am 4. Juni fanden die ersten, noch halbfreien, aber schon „befreienden“ Wahlen statt. Sie waren zuvor am Runden Tisch ausgehandelt worden. Der Kandidat der siegreichen Solidarność, Tadeusz Mazowiecki, versuchte die erste nichtkommunistische Regierung im sog. Ostblock zu bilden.

Alle fragten sich, ob das gut gehen würde, zumal der rumänische Diktator Ceauşescu dazu aufrief, uns – und vielleicht auch noch den Ungarn – „brüderliche Hilfe“ zur Rettung des Kommunismus zu leisten. Die Entwicklung in Polen wurde zu einem „Stresstest“ für die europäische Politik - wie wir heute sagen würden. Die im Entstehen begriffene Regierung konnte weder als kommunistisch, noch wie in Ungarn, als reformkommunistisch bezeichnet werden. Es handelte sich um etwas völlig Neues, Unvorhersehbares und allemal Riskantes. Und je mehr wir uns in Selbstbeschränkung übten, desto unruhiger wurden die Medien im Westen. Die britische Boulevardpresse beispielsweise, immer um eine besonders „vorsichtige“ Wortwahl bemüht, brachte es auf den Punkt: Die Polen, als notorische Unruhestifter und unheilbare Rebellen bekannt, machen sich zu früh an die Demontage des Kommunismus. Sie werden sich selbst und halb Europa in die Luft sprengen.

In dieser „idyllischen“ Atmosphäre wurden wir plötzlich mit Flüchtlingen aus der DDR konfrontiert. Nachdem die Grenze zur Tschechoslowakei geschlossen worden war, versuchten diese, auf dem Umweg über die Warschauer Botschaft der Bundesrepublik in den anderen deutschen Staat zu gelangen. Wir hatten im damaligen Herbst insgesamt etwa sechstausend Flüchtlinge, die vor allem in Ferienheimen der Gewerkschaft „Solidarność“ einquartiert wurden. Es musste nicht so dramatisch zugehen wie in Prag, weil Polen bereits ein freieres Land war. Unser Problem war ein anderes: Wie leistet man ihnen Hilfe, ohne die - noch kommunistischen - Regierungen in den Nachbarstaaten zu provozieren, bestehende Abkommen zu verletzen und zugleich eine historische Chance für sich selbst und für die Region zu verspielen? Und ohne dem mutigen sowjetischen Reformer Michail Gorbatschow innenpolitisch zu schaden. Denn nur mit ihm konnten unsere Pläne überhaupt im Bereich des Denkbaren bleiben. Also ein „Stresstest“ für die polnische Politik und für eine Regierung, die noch immer sehr vorsichtig agieren musste. Die Ostberliner Presse bezichtigte uns unterdessen wegen der Betreuung der „illegal Ausgereisten“ der Einmischung in die inneren Angelegenheiten der DDR. Erwartungsgemäß wurden wir alle als amerikanische Agenten und Provokateure denunziert.

Es liegt auf der Hand, dass wir damals die Entwicklung in der DDR etwas genauer zu verfolgen begannen. Die Geschichte nahm offensichtlich auch dort ihren beschleunigten Lauf. Viele Polen rieben sich die Augen, als die Leipziger Montagsdemonstrationen von Woche zu Woche größer und mutiger wurden. Man hörte immer mehr über die Anziehungskraft der Nikolai-Gemeinde, von Friedensgebeten, Mahnwachen und von Basisgruppen in Leipzig und anderen Städten. Wegen der plötzlich sichtbaren „physischen“ Präsenz unserer DDR-Nachbarn in Warschau, war dort nun die Neugier auf alles, was in ihrem Land geschieht, wie auch die Kenntnis darüber besonders groß. All diese Menschen, seien es Demonstrierende in Leipzig oder Flüchtlinge in Warschau, hatten denselben Traum: den von einem Leben in einem „offenen Land mit freien Menschen“, wie auf dem Transparent von Katrin Hattenhauer und Gesine Oltmanns vor der Nikolaikirche zu lesen war. Ihr Traum war Teil des unsrigen – dies wurde uns nun mit aller Deutlichkeit klar. In uns wuchs die Gewissheit, dass wir diesen Traum nur gemeinsam zu Ende träumen können. Übrigens, keine alltägliche deutsch-polnische Erfahrung in den letzten 150 Jahren.

Viele Generationen von Polen und Deutschen blieben in einer Haltung der Fatalität gefangen: Gewinn für einen der beiden Nachbarn war immer gleichbedeutend mit der Niederlage des anderen. Das Jahr 1989 markiert das Ende dieser historischen Fatalität. Es bedeutet aber auch eine symbolische Aufhebung der „deutsch-polnischen Ungleichzeitigkeit“. Zwar führten wir in beiden Ländern oft Debatten zu denselben Themen, allerdings zu unterschiedlichen Zeiten, was dann zu Missverständnissen führte und den Eindruck erweckte, wir hätten aneinander vorbei geredet. Sogar die letzten zwanzig Jahre haben uns noch zum Teil absurde Debatten beschert, die dem längst erreichten Konsens der Historiker völlig unangemessen waren. Deshalb könnte eine stärkere Rückbesinnung auf die gemeinsam erlebte Parallelität der Prozesse der Umbruchzeit beiden Seiten gut tun.

Sie würde unsere Kommunikation in jeder Hinsicht erleichtern. Und das Bewusstsein wach halten, dass wir nun in einer Phase leben, in der gute Nachrichten für Polen zugleich gute Nachrichten für Deutschland sind. Und umgekehrt. Die Tatsache, dass wir endlich „gemeinsam unterwegs“ sind, sollte als ein kostbares Gut angesehen werden. Ich denke, es gibt kaum eine schönere Idee, genau dies zum Ausdruck zu bringen, als das Leipziger Lichtfest gemeinsam mit dem Nachbarn und mit einem symbolischen Brückenschlag nach Danzig zu feiern.

Dafür möchte ich Ihnen, Herr Superintendent, Ihnen, Herr Oberbürgermeister – lieber Burkhard -, und allen Leipzigern meinen herzlichen Dank aussprechen! Ebenso herzlich danke ich allen Mitgliedern der Initiative „Tag der Friedlichen Revolution – Leipzig 9. Oktober 1989“.

Polen und Deutsche aus der DDR hatten in den Jahrzehnten des Kommunismus nicht immer das Gefühl, wirklich „gemeinsam unterwegs“ zu sein. Sehr viele von uns vereinte aber der offensichtliche Wunsch nach mehr Sinn in unserem Leben, nach einer Wirtschaft, die nicht auf dem Kopf steht, nach einer Demokratie, die ihren Namen verdient. Wir erzählten einander absurde, typisch mitteleuropäische Witze, die immer dieselbe deprimierende Botschaft vermittelten: „Hier wird sich nie etwas ändern“. Im Herbst 1989 erwies sich diese Welt aber doch als gestaltbar und veränderbar.

Die Menschen müssen irgendwann beginnen daran zu glauben, dass ihre Welt „prinzipiell unvollendet", d.h. veränderbar ist. Nur dann sind sie für einen aktiven, persönlichen Einsatz für Demokratie zu gewinnen. Und das geschah mit uns in den 80er Jahren. Im Herbst 1980, also in den Anfängen der „Solidarność“, sprach ein sehr junger Arbeiter aus dem Traktoren-Werk „Ursus“, Zbigniew Bujak, vor tausend Studenten im Audimax der Warschauer Universität. Er vertrat sehr überzeugend die These, dass man auf die Geschicke des Landes durchaus Einfluss nehmen kann. Alles, was er sagte, wirkte klug, wohlüberlegt und zugleich so ansteckend, dass jeder der Zuhörer noch am selben Abend etwas Sinnvolles „für Demokratie“ tun wollte. In seiner Rede berief er sich ab und zu auf seine jahrelange Mitgliedschaft in Warschauer Basisgruppen. Im kommunistischen Polen wurden diese Gruppen zum wichtigsten Begegnungsort der Intellektuellen und Arbeiter.

Auch die christliche Seelsorge spielte die Rolle eines Ersatzes für staatsbürgerliche Erziehung. Für viele war die Kirche der natürliche geistige Raum, in dem sie über solche Begriffe wie Freiheit, Würde und Menschenrechte sprechen konnten. Nur vor diesem Hintergrund ist die magische Kraft der berühmten Sätze von Johannes Paul II. zu verstehen, die er 1979 den versammelten Massen bei seinem ersten Besuch als Papst in seiner Heimat zurief: „Ich rufe aus der Tiefe des Jahrtausends: Möge der Heilige Geist auf uns herabkommen und das Antlitz der Erde verändern, - dieser Erde“.

Zwei kleine Worte trugen dazu bei, das bis an die Zähne bewaffnete unmenschliche System zu stürzen: der Zusatz „dieser Erde“, der alle Anwesenden eindeutig zur Veränderung hier und jetzt ermutigte. Durch diese beiden Worte entwickelte diese Gebetsformel eine explosive Kraft, die gesellschaftliche Veränderung bewirkte. Ich zitiere den Oppositionellen Jacek Kuroń, der den Papstbesuch beschreibt: „Da war keine Masse mehr und auch kein Heer von Schaulustigen, die an einem Straßenevent teilnehmen. Es war eine Gesellschaft. Erst jetzt, zum ersten Mal nach 30 Jahren, konnten wir sehen, wie viele wir sind, konnten uns in die Gesichter schauen und denken: „Polen, das sind wir“.

Kein Wunder, dass in der Solidarność-Bewegung die religiöse Symbolik zur allgemein verständlichen Sprache der Hoffnung und des gewaltfreien Protests wurde. Eine ähnliche Rolle spielten Begrifflichkeit und Symbolik in der DDR, was uns die letzte Szene des Films „Nikolaikirche“ sehr suggestiv schildert.

Der Stasi-General, der angesichts der geballten Macht friedlicher Demonstranten am 9. Oktober auf dem Leipziger Ring kapitulieren muss, kann nur noch hilflos konstatieren: „Wir haben alles geplant. Auf alles waren wir vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete“.

Ich musste an Bujaks Rede an der Warschauer Uni denken, als ich im selben Film den Appell des Pfarrers an die in der Nikolaikirche Zuflucht Suchenden hörte. Dort wurde das symbolisch festgehalten, was für die Bereitschaft, sich für die Demokratie einzusetzen, wohl entscheidend war.

Der Pfarrer führte den Versammelten vor Augen, wie der Anpassungsprozess in einem autoritären System verläuft, wie sich Menschen mit dem System arrangieren und mit kleinen Privilegien zufrieden geben. Das lese ich als eine Analyse, die auf etwas Universelles verweist und genauso für Polen galt. Czesław Miłosz, der Literaturnobelpreisträger von 1980, beschrieb dieses Phänomen in seinem Buch mit dem Titel „Verführtes Denken“.

Der Pfarrer fasst das in einer bitteren Bestandsaufnahme zusammen: „Wir sind so geworden, ohne zu wissen, wie“. In dieser an sich deprimierenden Diagnose kündigt sich aber – wie ich denke – schon eine neue Zäsur an. Wenn man beginnt, sich für das „Wie“ zu interessieren, wird der Wille der Menschen, dieses Kapitel der Fremdbestimmung abzuschließen, immer realer. Und die Menschen in der Nikolaikirche waren gerade dabei, ihr „Kapitel der Selbstbestimmung“ aufzuschlagen. Eine gestaltbare Welt beginnt in den Köpfen.

Endlich „sichtbare“ Nachbarn?

Voriges Jahr wurde in den Berliner Kunst-Werken eine Installation unter dem Titel „Unsichtbare Frauen der Solidarność“ gezeigt. Eine junge Künstlerin wollte uns auf die heutige Marginalisierung der Frauen, die in der Freiheitsbewegung vom August 1980 mitwirkten, aufmerksam machen. Sie waren als weiße Bilder dargestellt. Und man musste sich sehr anstrengen, um in ihnen die Konturen von Frauengesichtern zu entdecken. Das Gesicht der legendären Kranführerin von der Danziger Werft oder das einer mutigen Straßenbahnführerin, auch das einer Krankenschwester.

Das bringt mich auch darauf, dass es wohl auch „unsichtbare Nachbarn“ geben kann. Wenn die Bilder voneinander weiß sind – wie in den Kunst-Werken – und nicht aus eigenem Interesse mit neuen Inhalten gefüllt werden, bleiben nur die unbewusst tradierten Denkmuster und familiär überlieferten Ressentiments übrig. Viele Deutsche sollten Polnisch lernen und noch sehr viele Polen Deutsch. Wobei ich hier weniger die Sprachen meine, als die Bilder voneinander. Es gibt keinen besseren Weg, als an den „weißen Bildern“ selbst zu arbeiten, sie im Dialog, mit Neugier und Empathie zu malen - und sie mit Farbe und Leben zu füllen.

Der deutsch-polnische Annäherungsprozess hatte viele Wendepunkte, Zäsuren, Rückschläge aber auch Höhepunkte. Außergewöhnliche Akteure machten sich auf den Weg zum Nachbarn. Leise und gegen den Strom. Dabei wurden auf beiden Seiten Nachbarn sichtbar, die anders waren als die überkommenen Bilder. Lothar Kreyssig, der Begründer der Aktion Sühnezeichen, sowie Günter Särchen und Friedrich Magirius, die die Aktion mehrere Jahre begleiteten, und auch der vor kurzem verstorbene Ludwig Mehlhorn seien hier stellvertretend für viele genannt. Die Aktion „Sühnezeichen“ war von den DDR-Behörden nicht gewollt und für überflüssig gehalten.

Kreyssig und Särchen knüpften Kontakte zu der katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechny in Krakau, wo man sie anfangs für einsame, aber „ungefährliche Träumer“ hielt. Heute gelten sie als weitsichtige Realisten und Begründer einer der interessantesten deutsch-polnischen Begegnungen. Zu den Ansprechpartnern von Lothar Kreyssig und Günter Särchen gehörte u.a. die katholische Schriftstellerin Anna Morawska. Sie veröffentlichte 1970 ein Buch über den evangelischen Pfarrer und Theologen Dietrich Bonhoeffer und seinen Widerstand im Dritten Reich.

Bonhoeffer faszinierte uns Polen. Wir folgten seiner Frage, wie sich ein Bürger und Christ in einer aggressiven Diktatur zu verhalten hat. Mit Blick auf Bonhoeffers unbeugsame Haltung fragte der Publizist und spätere Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki nach der Rolle der Kirche im Kommunismus. Im Namen welcher Werte sollte man den Konformismus aufgeben? Genügt eigentlich skeptische Distanz? Müssten nicht die Werte stärker zur Grundlage des politischen Handelns werden? Für viele Oppositionelle, vor allem Adam Michnik, aber auch Stanisław Barańczak, stellte das Beispiel Dietrich Bonhoeffers klar, dass der Wert des Widerstands auch in aussichtsloser Lage gegeben war. Nicht Erfolgsaussichten entschieden über den Wert der Sache, nicht die Aussicht, die Massen zu begeistern. Nichts gegen das Böse zu tun war eine größere Niederlage des Menschseins, als gegen das Böse zu verlieren. Aus dieser Einsicht schöpften die Oppositionellen Kraft für ihr zunächst einsames, gewaltfreies Engagement.

Die Begegnung mit Dietrich Bonhoeffer wurde schließlich zu einer Begegnung mit dem privaten Schicksal eines Deutschen. Nicht ganz ohne Bedeutung für das damals noch sehr belastete polnisch-deutsche Verhältnis. Für viele aus der älteren Generation war es wichtig zu erfahren, dass es auch „andere Deutsche“ gab als diejenigen, die man aus der Besatzungszeit kannte. Das ermutigte sie, sich mit den angestammten Vorurteilen in den eigenen Köpfen auseinanderzusetzen, um sich auf die Suche nach einem anderen Deutschlandbild zu begeben.

Wie sah es damit nach 1980 aus? Es ist allgemein bekannt, dass damals auch die Stasi, auf ihre unnachahmliche Art, hingebungsvoll versuchte, diese Bilder mit giftigen Inhalten zu füllen. Anfang der Neunzigerjahre traf sich eine polnische Delegation in der Evangelischen Akademie in Berlin mit Oppositionellen aus der ehemaligen DDR. Jürgen Fuchs überreichte uns damals Stasi-Akten, die gezielte Stasi-Aktivitäten gegen die Solidarność-Bewegung – sogar in Polen - umfangreich belegten.

Umso wichtiger finde ich, dass wir heute viel mehr über diejenigen sprechen, die damals ihren eigenen Geschmack in Sachen „Weiße Bilder“-Malen und Stasi-Kunst bewahrten. „Lernt Polnisch“ – mit diesem Aufruf ging ein mutiger Schüler den DDR-Behörden auf die Nerven. Roland Jahn aus Jena fuhr im Jahre 1982 mit dem Fähnchen „Solidarität mit dem polnischen Volk“ durch die Stadt, wofür er ins Gefängnis musste. Pastor Eckart Hübener schmuggelte noch als Student oppositionelle Blätter aus Polen ein, was ihm eine Gefängnisstrafe einbrachte. An dieser Stelle möchte ich kurz eine am 5. Oktober 1989 in Krakau organisierte Demonstration erwähnen. Sie war eine Solidaritätsbekundung mit den Menschen in der DDR und insbesondere mit den Leipzigern: Auf einem der Transparente stand: „Krakau – Leipzig: gemeinsame Sache“. Die Demonstration endete mit einem Happening am DDR-Kulturinstitut in Krakau, bei dem Freiheit für die DDR-Bürger gefordert wurde.

Zu den in Polen bekanntesten Vermittlern, die sich an der „Front der Entgiftung“ besonders verdient gemacht haben, gehören Wolfgang Templin und der unvergessene Ludwig Mehlhorn. Ich habe das Gefühl, dass man in Deutschland zu wenig darüber weiß, wie sehr Ludwig bei uns bekannt und respektiert war, und wie viel er - dieser bescheidene Mensch - getan hat, damit sich Deutsche und Polen besser verstehen!

Lang ist die Liste der polnischen Oppositionellen und der engagierten DDR-Bürger, die miteinander in Verbindung standen. Sie ist länger als man gemeinhin denkt. Wir sind heute in der Nikolaikirche, wo wir an die Friedensgebete vor 22 Jahren erinnern. Der katholische Pfarrer Hans Friedrich Fischer, der diese mitgestaltete, hatte rege Kontakte zu polnischen Partner-Gemeinden, reiste nach Polen und organisierte Paketaktionen, als wir unter dem Kriegsrecht litten. Und Pfarrer Christian Führer, der schon seit 1982 seine friedliche Botschaft in der Nikolaikirche verbreitete, wird heute an den Feierlichkeiten in Danzig teilnehmen.

Es gelang uns gemeinsam

Der britische Historiker Timothy Garton Ash sagte vor zwei Jahren in Berlin, die wichtigste Erkenntnis aus dem „Jahr der Wunder“ 1989 sei für ihn die, dass die Menschen selber Geschichte machen können. An dieser Frage scheiden sich aber die Geister, und die Kontroverse ist bei weitem nicht beigelegt. Leipzig ist sicherlich ein guter Ort, um sich dazu zu äußern. Diese Debatte um die Rolle der Politik bzw. der Zivilgesellschaft beim Systemwechsel von 1989 wurde in Polen mit vielen Deutschland-Bezügen geführt, die bis in die Phase der Ostpolitik zurückreichen.

Für viele Bürger im östlichen Teil Europas brachte die Ostpolitik eine deutliche Erweiterung der zivilgesellschaftlichen Verbindungen mit dem Westen und neue Reisemöglichkeiten. Die demokratische Opposition konnte sich nunmehr auf die Schlussakte von Helsinki berufen, mit der die Menschenrechte in die internationalen Beziehungen eingeführt worden waren. Natürlich stellte man sich aber im Osten die Frage, ob das traditionelle Status-quo-Denken nicht unsere Unfreiheit zu sehr zementiere. So hatte die Ostpolitik für uns auch ein anderes Gesicht. „Um des Friedens willen haben wir in Deutschland auf die Vereinigung verzichtet, deshalb solltet ihr im Osten auch etwas für den Frieden tun – nämlich auf die Freiheit verzichten“. Das mag etwas zugespitzt ausgedrückt sein, doch so ungefähr verstanden wir manchmal unsere westlichen Nachbarn.

In einem Gespräch mit Bronisław Geremek, dem Solidarność-Berater und späterem Außenminister, im Jahre 1990 räumte Willy Brandt ein, dass er lange Zeit nicht an eine konstruktive Rolle der Dissidenten-Bewegungen geglaubt habe. „Heute weiß ich, dass man mit nichtpolitischen Methoden ein Imperium stürzen kann“ – soll er hinzugefügt haben. Dieser Satz hat Geremek sehr stark beeindruckt.

Nun stellt sich die Frage: Wem gehört 1989? Wer brachte das System zu Fall – Regierungen oder Menschen? Wir wissen um die historischen Verdienste von Michail Gorbatschow, um jene der Amerikaner und aller anderen Politiker, die klug mit den Sowjets verhandelten. Für ebenso wichtig halten wir aber, dass die Rolle eines neuen Akteurs, der damals die Bühne betrat, nicht vergessen wird: die der Gesellschaft, der Menschen. Wenn wir die Gesellschaft beiseiteschieben, dann übersehen wir das Wichtigste, was diese Revolution ausmachte: dass Runde Tische die Guillotine ersetzten und Wahlzettel Revolver. Wie auf dem Wahlplakat der Solidarność, das bei uns zur Ikone der friedlichen Veränderungen wurde.

Der Sheriff aus dem berühmten Film „High Noon“ mit dem Wahlzettel in der Hand war Teil unserer neuen Identität und unseres mitteleuropäischen Traums. Es stimmt – wir wollten uns schöner malen, als wir waren. Ähnlich wie Gary Cooper auf dem Filmposter wollten wir unbezwingbare Gesetzeshüter werden. Mit einem zuweilen unerträglichen Pathos schickten wir uns an, „Einwohner in Staatsbürger zu verwandeln“. Ein bisschen Illusion, ein bisschen Programm.

Die Mauer ist nicht von alleine gefallen. Dem politischen Umbruch ging eine faszinierende Geschichte der Oppositionsbewegungen in unserer gesamten Region voraus. Sie ist auch eine Geschichte darüber, wie man eine autoritäre Macht ideologisch zu entwaffnen suchte.

Da waren Adam Michnik in Warschau und Václav Havel in Prag mit ihrem Konzept der „Antipolitik“ – einer auf Werte statt auf Parteipolitik bezogenen Basisdemokratie. Bevor Michnik zu einer Legende für uns wurde, waren mutige Dissidenten aus der Sowjetunion seine Vorbilder gewesen. Viele in der Region haben sich gegenseitig gestärkt und begannen, ein Wir-Gefühl zu entwickeln. Da waren die Demonstrierenden in Leipzig mit ihren Parolen „Wir sind das Volk“ und „Keine Gewalt!“. Und genau das ist die Geschichte, die wir uns heute erzählen sollten. Wie sonst wollen wir „das Friedliche“ der friedlichen Revolution überhaupt erklären?

Europa zusammen gestalten

Mehr als zwanzig Jahre nach dem Systemwechsel sind wir in der Lage, unsere gemeinsame, positive Geschichte zu erzählen. Eine bewusste Rückbesinnung auf die Ereignisse von 1989 ist für uns auch deshalb wichtig, weil wir, die neuen EU-Mitglieder, nicht als Sorgenkinder, sondern vielmehr als Quelle positiver Energie angesehen werden möchten. Die Gespräche am Runden Tisch im Winter/Frühling 1989, die Öffnung der ungarischen Grenze, die ersten halbfreien Wahlen in Polen im Juni 1989, die Leipziger Demonstrationen und der Mauerfall am 9. November – all das beweist, dass wir Ostmitteleuropäer uns nicht als „Schwarzfahrer“ in der EU fühlen müssen. Wir brauchen keine national-heroische Perspektive – es gelang uns doch alles gemeinsam! Und wenn die friedliche Revolution Eingang in das europäische Gedächtnis findet, erhalten wir damit einen Impuls für das Gespräch darüber, warum Europa wichtig ist und wie wir es gestalten wollen.

Es ist an uns, daran zu erinnern, dass Europa ein Freiheits-Projekt ist und bleiben sollte. Unseren Weg in die EU haben wir immer als eine Rückkehr in die Freiheit verstanden. Heute machen sich andere dieselben Hoffnungen und erwarten unsere Unterstützung. Manchmal gewinnen wir den Eindruck, dass vor allem Öl und Gas die Eigenschaft besitzen, Menschen zusammen zu halten und ihre europäischen Seelen zu beflügeln. Wir könnten dazu sagen, dass es auch noch Grundwerte gibt, aus denen symbolische Verbindungen entstehen können. In Leipzig wird man das wohl sehr gut verstehen. Der von mir bereits zitierte Timothy Garton Ash sah die Hauptaufgabe Europas darin, „uns Europäer vor uns selbst zu schützen, (…) vor den Barbaren in uns“. Es ist durchaus unsere Pflicht, die modernen Barbaren in uns selbst zu identifizieren, um uns vor ihnen besser schützen zu können.

Europa ist heute schlecht gelaunt, so dass populistische Ideen und nationaler Egoismus an Bedeutung gewinnen. Die Erfahrung des 20. Jahrhunderts lehrt uns jedoch, dass nationale Egoismen keine Krise gelöst haben. Sie führten nur noch tiefer in die Krise hinein und verschärften Konflikte.

Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität und es gibt keine Freiheit ohne Demokratie. Demokratie verteidigen, das heißt die Freiheit verteidigen. Demokratie zu verteidigen bedeutet auch, das Funktionieren der Demokratie stets kritisch zu prüfen.

Meine Damen und Herren,

das heutige Polen kann selbstbewusst auf seine politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der letzten zwanzig Jahre zurückschauen. Aus einem Land, das man eine Zeitlang als Problemfall etikettierte, ist ein europäischer Ideengeber geworden, der sich an einem Gespräch über den Tag hinaus, über die Zukunft des europäischen Einigungsprozesses beteiligt. Polen hat in Europa viel Solidarität erfahren und hat sich durch die Mitgliedschaft in der EU sehr verändert. Und auch die deutsch-polnischen Beziehungen haben sich grundlegend verändert. Sie werden heute viel stärker von der Zusammenarbeit beider Länder auf der internationalen Bühne bestimmt. Dazu haben die weitgehend stabile Wirtschaftslage und eine disziplinierte Finanzpolitik Warschaus in den Krisenjahren beigetragen. 2009 konnte Polen als einziges Land in der EU eine positive Wachstumsrate von 1,8% verzeichnen. Deutsche Experten beginnen schon – trotz der offensichtlichen Diskrepanz der Potentiale - von einer „Gestaltungspartnerschaft in Europa“ zu sprechen.

Polen hat den EU-Ratsvorsitz im zweiten Halbjahr 2011 übernommen, zu einem Zeitpunkt, da manche am Sinn des europäischen Projekts zweifeln. Sie fragen: Ist Europa immer noch eine Antwort oder nur noch ein Problem? Uns geht es gut in Europa, wo wir viele Antworten gefunden haben, worüber wir nun gern erzählen. In diesem Bereich liegen die vielleicht wichtigsten Chancen für die Neugestaltung auch unserer bilateralen Beziehungen.

Im deutsch-polnischen Verhältnis sind zurzeit weniger europäische Probleme als europäische Problemlösungen zu finden. Und auch Hoffnung: Auf ein Europa, das aus seinen Erfahrungen lernt und auf Zusammenhalt baut.