Programm 2016

Mut - Werte - Veränderungen

Am 9. Oktober 1989 haben sich in Leipzig weit mehr als 70.000 Menschen aus allen Teilen der DDR mit den Rufen „Wir sind das Volk“ und „Keine Gewalt“ dem SED-Regime trotz drohenden Schießbefehls friedlich entgegengestellt. Mit ihrem gewaltfreien Protestzug um den Leipziger Ring gaben sie den entscheidenden Impuls zur Friedlichen Revolution. Die deutsche Vereinigung und die europäische Einheit standen am Ende dieser geschichtsmächtigen Ereignisse. 1989 haben die Menschen in der Diktatur individuell Mut gefasst und sich für die Werte, die ihnen wichtig waren, eingesetzt. Sie wollten Freiheit und haben Grenzen überwunden: sowohl Mauer und Stacheldraht, indem sie zu Tausenden in den Westen geflohen sind, als auch die Grenzen der Diktatur. Einer der zentralen Werte der Friedlichen Revolution ist, dass all die epochalen Veränderungen gewaltfrei möglich wurden. Überall gingen die Menschen auf die Straße, um für Freiheit und Demokratie einzustehen. Die Selbstbefreiung von der kommunistischen Diktatur 1989/90 ist ein euro- päisches Phänomen. Die Revolutionen von 1989/90 eröffneten den Menschen in Ostmitteleuropa den Weg zu Demokratie und Selbstbestimmung. Sie belegen die Bedeutung des Kampfes um Freiheit, individuelle Würde und Menschenrechte, der ein zentraler Bestandteil unserer europäischen Geschichte ist. Gegen jedes natio- nale Ressentiment war das Grundgefühl einer gemeinsamen Freiheit und Solidarität weit verbreitet. Die gewaltfreie Wiedererringung von Freiheit und Demokratie durch die Bürger vor nunmehr über 25 Jahren ist eine zentrale Geschichtserfahrung ganz Europas. Diese gemeinsame positive Erinnerung brauchen wir gerade in Zeiten von massiven Spannungen, gewaltsamen Konflikten und diktatorischen Rückentwicklungen als einen Ausgangspunkt für die aktive Gestaltung unserer europäischen Zukunft. Wir erleben seit einiger Zeit eine Auseinandersetzung um politische Grundfragen unserer Gesellschaft, aber auch eine Skepsis gegenüber der Politik, dem demo- kratischen System und dem Rechtsstaat bis hin zu offener Ablehnung, die in einer bisher nicht für möglich erachteten Wucht in die Öffentlichkeit treten. Die Werte von 1989, Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie, aber auch Gewaltlosigkeit, Zivilcourage und Gemeinsinn, sind auf diesem Hintergrund wieder aktueller denn je. Mit den jährlichen Feierlichkeiten am 9. Oktober in Leipzig wollen wir an die Ereignisse erinnern, vor allem aber deren Bedeutung für die Zukunft unseres Landes und Europas vermitteln. Die friedlichen Revolutionen 1989/90 sind ein wichtiges Vermächtnis an die europäische Zukunft.

Programm

17–18 Uhr
Nikolaikirche
Predigt: Pastor Yassir Eric, Europäisches Institut für Migration, Integration und Islamthemen
Musik: BachChor an der Nikolaikirche
Das Friedensgebet findet auch in diesem Jahr zum Gedenken an den 9. Oktober 1989 statt. Bereits seit 1982 hatten Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen regelmäßig Friedensgebete in der Nikolaikirche durchgeführt. Von hier gingen im September 1989 die Montagsdemonstrationen aus. Nach dem Montagsgebet am 9. Oktober versammelten sich in der Leipziger Innenstadt schließlich mehr als 70.000 Menschen, um gewaltfrei zu demonstrie- ren – der Durchbruch für die Friedliche Revolution.

18:30 –19:30 Uhr
Nikolaikirche

Die Rede zur Demokratie in der Nikolaikirche gehört seit 2001 zu den Höhepunkten der Reihe „Herbst ’89“. Zu den Rednern in der Kirche, die 1989 Schauplatz der Friedensgebete und Ausgangspunkt der Montags- demonstrationen war, gehörten bereits der Bundespräsident, der Bundestagspräsident, der Präsident des Bundesrates und der Präsident des Bundes- verfassungsgerichts. Aufgrund der europäischen Themen- schwerpunkte wird die Rede seit 2010 von Persönlichkeiten gehalten, die sich um die Demo kratie in Europa verdient gemacht haben. Bisher sprachen u. a. der tschechische Schriftsteller und Politiker Milan Uhde sowie der ehemalige Botschafter der Republik Polen in der Bundesrepublik Deutschland, Marek Prawda. Für den 9. Oktober 2016 hat der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, zugesagt.

20 Uhr 
Augustusplatz

Nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche beschließt das Lichtfest Leipzig am 9. Oktober als emotionaler Höhepunkt den Tag. Unter dem Motto „Mut – Werte – Veränderung“ rückt es erneut zivilgesellschaftliche Aspekte der Friedlichen Revolution in den Fokus. Auf dem historischen Versammlungsort von 1989, dem Augustusplatz, gestalten Schauspieler Sylvester Groth, Musiker Mike Dietrich und Mario Schröder (Ballettdirek- tor und Chefchoreograph) mit dem Leipziger Ballett ein knapp einstündiges Bühnenprogramm, das unter der künstlerischen Leitung von Jürgen Meier Text, Musik, Tanz, Foto und Video zu einer vielschichtigen Performance verwebt: Sylvester Groth verkörpert den Visionär, den Weltbürger. Vorwärtsdrängend und beratend auf der einen Seite, kritisch und nachdenklich auf der anderen, bringt er die großen Themen des Abends mit Hilfe aktueller Texte und historischer Zitate von Kant bis Kennedy auf die Agenda. Mit ihm in beständigem Austausch agieren die Tänzerinnen und Tänzer des Leipziger Balletts. Mal zustimmend, mal ablehnend, bewegen sie sich zwischen Aufbruch und Erstarrung, Zukunft und Vergangenheit. Der Leipziger DJ Mike Dietrich unterlegt die Szenen mit einer Soundcollage aus klassischen und zeitgenössischen Elementen. Historische Foto- und Videoaufnahmen, großformatig auf mehrere Flächen im Hintergrund projiziert, erzeugen weitere Bedeutungsebenen. Natürlich sind die Besucher auch in diesem Jahr wieder herzlich eingeladen, aus Tausenden Kerzen eine leuch- tende 89 zu bilden. Konzipiert und umgesetzt wird das Lichtfest von der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH. 

 

Sonntag, 9. Oktober 2016
20–23 Uhr

Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“
Lange Ausstellungsnacht – Zeitgeschichte an Original-Orten

Die „Runde Ecke“ war während der Montags- demonstrationen 1989 der neuralgische Punkt, an dem immer die Gefahr einer gewaltsamen Eskalation bestand. Um dies zu verhindern, wurden jede Woche Tausende Kerzen vor dem Haus und auf den Treppenstufen abgestellt. Am Abend des 9. Oktober ist das Gebäude der ehemaligen Bezirksverwaltung der Staatssicher- heit geöffnet. Ständig werden Führungen durch die Dauerausstellung „Stasi – Macht und Banalität“ und die Sonderausstellung „Leipzig auf dem Weg zur Friedlichen Revolution“ mit originalem Filmmaterial unter anderem vom 7. und 9. Oktober 1989 an geboten. Veranstalter: Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ | Eintritt frei

Sonntag, 9. Oktober 2016
20–23 Uhr
BStU – Außenstelle Leipzig
Nacht der offenen Tür

Die Stasi-Unterlagenbehörde öffnet am Jahres- tag des 9. Oktober 1989 ihr Haus, um an die entscheidende Montagsdemonstration und den Herbst 1989 zu erinnern. Im Mittelpunkt der Archivpräsentation steht der Apparat der hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter. Was verraten die Kaderakten über Kontakte, Karrieren und Konflikte? Wie haben die Tschekisten gefeiert? Welche Verfehlungen wurden mit welchen Strafen geahndet? Wie präsentierte sich die Stasi dem (überwachten) Volk? Antworten auf diese Fragen geben zahlreiche Aktenauszüge, Fotos, Filme und Audiodokumente

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